Pieter Poldervaart: «Der Trend weg vom Print entzieht der Branche viel Geld.»
Das 377. Fragebogeninterview, heute mit Pieter Poldervaart, freier Journalist in Basel. Er besitzt erst seit drei Jahren ein Handy: «Es liegt in meiner Büroschublade, ich verwende es einzig für die Authentifizierung beim E-Banking.» Der Verzicht beruhige sein Leben. «Will ich selbst jemanden dringend erreichen, hat die Person ziemlich sicher ein Mobiltelefon.» Er arbeitet seit über dreissig Jahren als freier Journalist, sagt aber, die Tageszeitungen seien «als Auftraggeber irrelevant geworden»: «Es fehlen ihnen schlicht die Mittel für freie Medienschaffende.» Die Fusion von CH Media habe ihm «den Ausstieg aus dem Geschäft mit den Tageszeitungen» gebracht. «Zuvor war es möglich, einen Text mehrfach in Tageszeitungen unterzubringen. Aber für einmalig 300 Franken schreibt man keine Geschichte mehr.» Er arbeitet deshalb heute für Behörden, Firmen und Fachzeitschriften. Er sagt, die Digitalisierung habe den Journalismus vielleicht demokratisiert, weil der Zugang zu News-Plattformen offener geworden sei. Doch der «Trend weg vom Print entzieht der Branche viel Geld». Ohne Förderung durch Staat und Stiftungen sei der Journalismus zwar befreit, «aber zunehmend irrelevant». Deshalb leuchtet ihm der Schritt ein, den die deutsche «taz» letztes Jahr gemacht hat: «An Wochentagen erscheint die Zeitung digital, am Wochenende auch gedruckt.»
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Beim gemeinsamen Essen verzichte ich auf Medienkonsum. Aber unter der Woche bereite ich ab 6.30 Uhr unser Frühstück zu – und höre dazu das «Morgenjournal» von SRF 2. Nach dem Frühstück klicke ich ein erstes Mal auf «Kyiv Independent», um zu erfahren, wo der Krieg in Europa steht. «NZZ» und «bz Basel», beide in Papierform, folgen im Lauf des Tages oder auch mal erst nach dem Abendessen. Die «Republik» konsultiere ich zwischendurch, am Wochenende dann «WoZ» und das «Futurzwei-Magazin».
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Ich bin bei keiner dieser Plattformen registriert, da ich sie beruflich nicht brauche und privat keine Zeit dafür aufwenden mag. Zudem besitze ich erst seit drei Jahren ein Handy. Es liegt in meiner Büroschublade, ich verwende es einzig für die Authentifizierung beim E-Banking. Der Verzicht beruhigt mein Leben. Will ich selbst jemanden dringend erreichen, hat die Person ziemlich sicher ein Mobiltelefon.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Als Medienkonsument lese ich mehr online und selektiver als vor über 35 Jahren. Die ungelesene Tageszeitung von gestern oder die Wochenzeitung von letzter Woche bündle ich heute.
Als Medienproduzent sind die Tageszeitungen als Auftraggeber irrelevant geworden, es fehlen ihnen schlicht die Mittel für freie Medienschaffende. Die Fusion von CH Media hat zudem für mich als freier Journalist den Ausstieg aus dem Geschäft mit den Tageszeitungen gebracht. Zuvor war es möglich, einen Text mehrfach in Tageszeitungen unterzubringen. Aber für einmalig 300 Franken schreibt man keine Geschichte mehr. Heute arbeite ich für Behörden, Firmen und Fachzeitschriften.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Die Vielfalt war definitiv grösser, in Basel etwa gab es noch die «Basler AZ» und die «Nordwestschweiz», dazu Publikationen wie «Dementi», später die «Stadtzeitung» und die «Tageswoche». Onlineangebote wie «Republik» kompensieren diesen Verlust zumindest teilweise.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Offenbar – sonst gäbs diesen Fragebogen nicht.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Das, was man vor einem Jahr geschrieben hat. Und dann soll man das damals Geschriebene hinterfragen.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Ein Buch zu Ende lesen musste man höchstens in der Schule. Dass ein Buch schlecht ist, merkt man nach ein paar Seiten, dann gehört es ungelesen ins Altpapier – und das sage ich als ehemaliger Buchhändler.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
In den «Reportagen».
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Im Plural in der Schweiz vielleicht noch zehn Jahre. Dann wird die «NZZ» die letzte ihrer Zunft sein.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Fake News sind nicht nur eine Gefahr für die Medien, sondern für die Demokratie und damit für unsere Gesellschaft. Aber noch verheerender, für Medien und Gesellschaft, sind die realen Taten von Männern à la «Trupin».
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
TV konsumiere ich höchstens als Fussballübertragung, Radio praktisch nur linear. Wie es schon der Name sagt, lineares Radio strukturiert den Tag. Und das finde ich ganz angenehm.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Nein, höre ich nicht. Beim Joggen und Velofahren halte ich mir die Ohren frei und höre die Vögel und den Wind. Ein freier Kopf liefert frische Idee, beispielsweise auch Titel für einen Artikel, der in Arbeit ist. Beim Kochen und Putzen höre ich Musik. Im Zug arbeite, lese oder schlafe ich. Wann sonst hört man Podcasts? Der Tag ist endlich.
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Weniger Klicks heisst weniger Werbegelder oder Förderbeiträge für die Medien. Entscheidend ist aber, dass die Gesellschaft einfältiger wird und auf simple Botschaften eher anspricht. Neben den Medien nehmen also die Demokratie und letztlich die Gesellschaft Schaden.
Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?
Vermutlich gehört es zum Stellenbeschrieb von Supino, zu verkünden, dass in zehn Jahren der «Tages-Anzeiger» noch existiert. 2036 aber werden sich die verbleibenden Tagi-Abonnent:innen ihre Artikel selbst von einer KI zusammenstellen lassen, statt Geld für ein Online-Abo zu zahlen. Dass ausgerechnet die auf Rendite getrimmte TX Group auch in Zukunft eine kuratierte News-Plattform anbieten wird, bezweifle ich.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Digitalisierung mag den Journalismus demokratisieren, weil der Zugang zu News-Plattformen offener wird. Doch der Trend weg vom Print entzieht der Branche viel Geld. Ohne Förderung durch Staat und Stiftungen ist der Journalismus zwar befreit, aber zunehmend irrelevant. Einen cleveren Schritt hat die deutsche «tageszeitung» letztes Jahr gemacht: An Wochentagen erscheint die Zeitung digital, am Wochenende auch gedruckt.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Unbedingt.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Ja, Postkarten (die dann häufig nicht ankommen) und Tagebuch.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Gibt es auch nur eine Handlung von Trump, die positiv für Menschen ausserhalb seines Dunstkreises gewesen wäre?
Wem glaubst Du?
Ich glaube, was ich nachvollziehen kann oder was ich selbst erlebt habe. Sonst zweifle ich lieber.
Dein letztes Wort?
Journalismus ist ein genialer Beruf.
Pieter Poldervaart
Pieter Poldervaart kochte nach der Matura ein Jahr lang in der Schulmensa, absolvierte eine Buchhändlerlehre, machte ein zweijähriges Journalismusvolontariat und arbeitet seit 34 Jahren als freier Journalist in Basel, seit 2000 im Pressebüro Kohlenberg. Er ist auf Nachhaltigkeit spezialisiert. Seit 2022 leitet er ehrenamtlich den von ihm gegründeten Verein Valmez4Shelter, der ukrainische Geflüchtete in der tschechischen Kleinstadt Valmez unterstützt.
Basel, 18.03.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: Dres Hubacher
Seit Ende 2018 sind über 350 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/
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2 Kommentare zu "Pieter Poldervaart: «Der Trend weg vom Print entzieht der Branche viel Geld.»"
Einfach mal setzen lassen:
……“Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
= Unbedingt.
Dein letztes Wort?
=Journalismus ist ein genialer Beruf.“……
Einfach mal setzen lassen. Ein bisschen drehen, und wenden. Übertragen auf andere Branchen. Wunsch. Wirklichkeit. Realität. Zauberstab. Ein bisschen schräublen als Gehirnjogging, ein bisschen fetten mit Gehirnschmalz. Ponyhof. Wünsche. Zwängen. Täublen. Lachen. Käffelen. Will. Stampf. Innehalten.
Spüren – was spürt man bei den Worten: Genugtuung, Verletzung, Überheblichkeit, Überhaben sein, Bevorzugung, Rückstufung, Sonderfall, Einfall oder Totalausfall. Geld. Noten. Cash-Karten. Münz.
Und sich über diese und solche Aussagen im Allgemeinen und im Einzelnen und als Gesellschaft, als Geber und Nehmer, als Träger, als Konsument, als Nicht-Konusment und vieles mehr Gedanken machen.
Nicht mehr – und auch nicht weniger.
Wenn man einmal den Stichworten Pieter Poldervaarts nachgeht, ergibt sich eine spannende geographisch-historische Reise durch Europa. Kyiv Independent – richtig: da gab es mal Schwierigkeiten für die freie Presse in der Ukraine, auch unter Wolodymyr Zelenskyj, in deren Verlauf die Zeitung Kyiv Post geschlossen wurde. 30 der 50 entlassenen Mitarbeiter des Redaktionsteams der Kyiv Post gründeten drei Tage nach der Schliessung, am 11. November 2021, den Kyiv Independent als englischsprachiges Onlinemedium. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 liefert Kyiv Independent zuverlässige, seriöse Informationen über den Krieg.
Viele Ukrainer sind wegen des Kriegs nach Tschechien geflüchtet, und da Pieter Poldervaart offensichtlich langjährige Beziehungen nach Mähren hat, konnte er sehr schnell Hilfe für die ukrainischen Flüchtlinge in Valašské Meziříčí (Valmez, ehem. deutsch Meseritsch) organisieren. Das Städtchen liegt im Bezirk Vsetin, in der Region Zlín. Wenn man ein bisschen weiter sucht, stösst man auf die berühmte Schuhfabrik Bata (Baťa), die 1894 in Zlín gegründet wurde. Noch heute steht hier das 1939 fertiggestellte Bata-Hochhaus, das Verwaltungsgebäude des Bata-Konzerns. Auf Fotos erinnert das Gebäude an das Volkswagenwerk in Wolfsburg – dessen Erbauer Emil Rudolf Mewes (1885-1949) hat 1939 auch die Stahlgiesserei in Schaffhausen entworfen, das ehemalige Werk I der Georg Fischer AG.
Man muss sich nur Zeit nehmen und ein bisschen neugierig sein, dann findet man vielfältige Querverbindungen in Europa. In diesem Sinne uneingeschränkt Ja: „Journalismus ist ein genialer Beruf!“